Geschrieben von Sally am Freitag, 7 Januar, 2011 | 829 views. |


Originaltitel: Drood
Genre: History, Krimi
Reihe: / Band: /
Erscheinungsdatum: 11. Oktober 2010 (TB, 1. Auflage)
Seiten: 976
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453408067
Preis: 10,99€
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Inhalt: London im Jahr 1865: Bei einem dramatischen Eisenbahnunglück finden etliche Menschen den Tod. Unter den Überlebenden ist der bedeutendste Schriftsteller seiner Zeit: Charles Dickens. Doch nach diesem Ereignis ist Dickens nicht mehr derselbe. Wie besessen macht er sich auf die Suche nach einem mysteriösen Mann namens Drood. Aber wer oder was ist Drood wirklich? Und kann es sein, dass Charles Dickens in seinen letzten Lebensjahren zum kaltblütigen Mörder wird?
Rezension: Nachdem Dan Simmon’ Terror eine nachhaltige Wirkung auf mich hatte, habe ich ein paar Monate gezögert mich seinem zweiten historischen Roman Drood zuzuwenden. Denn eigentlich hat mich der Inhalt dieses Buches gar nicht interessiert. Ich hatte kein Interesse an Charles Dickens, noch an einem mysteriösen Fremden. Doch als ich das Buch dann in der Buchhandlung liegen sah habe ich es kurzerhand mitgenommen und auch gleich zu lesen angefangen, aus Angst, es sonst monatelang ungelesen im Regal liegen zu haben.
Der Erzähler dieser Geschichte ist William Wilkie Collins, ein Autor und guter Freund und Weggefährte des Unnachahmlichen Charles Dickens. Dickens erzählt ihm von dem schrecklichen Eisenbahnunglück am 9. Juni 1865 in Staplehurst, bei dem viele Menschen ums Leben kamen. Dickens selber saß ein einem der Waggons und überlebte unverletzt. Als er den Verletzten helfen wollte, stieß ein merkwürdiger Mann zu ihm. Er stellte sich als Drood vor. Dickens behielt ihn in Erinnerung. Ein Mann mit einem langen, schwarzen Opernumhang und einem Zylinder, mitten im Sommer, mit heller, fast weißer Hautfarbe, dem die Nase und einige Finger fehlten. Dickens erzählt seinem Freund Wilkie von dieser Begegnung und seither verfolgt Dickens Drood und Drood Dickens. Auf seiner Suche nach dem mysteriösen Mann verschlägt es Dickens und Wilkie in die finstersten Ecken des viktorianischen Londons, in die Unterstadt und in so manche zwielichtige Etablissements. Doch irgendwann gerät alles ausser Kontrolle und Wilkie wird tiefer in die Sache hineingezogen als er eigentlich möchte.
Die ersten 400 bis 500 Seiten des Buches sind anstrengend gewesen. Man lernt zunächst Wilkie Collins kennen, er erzählt über sich und seine Freundschaft zu dem zu dieser Zeit berühmstesten Autor Englands. Er schildert das Eisenbahnunglück, das Dickens überlebt hat und führt den Leser langsam an Drood heran. Doch leider schweift er sehr häufig ab und liefert Geschichten und Anekdoten über irgendwelche Familienmitglieder oder Bekannte, die überhaupt nicht wichtig sind und auch nicht besonders interessant. Er schreibt seitenweise über Dickens und seine Veröffentlichungen, vergleicht diese, erzählt über seine Theaterstücke und deren Schauspieler, so dass man einige Zeit gar nicht in der Geschichte selber weiter kommt. Ich würde fast meinen das der Autor Dan Simmons damit ca. die Hälfte seines Buches gefüllt hat. Hin und wieder begleitet man Wilkie und Dickens dann auf ihren Suchen durch die übelsten Viertel Londons und ist wieder kurze Zeit völlig gebannt von diesem Teil, bis Wilkie wieder über irgendetwas völlig anderes und unbedeutendes schreibt.
Dennoch bin ich an dem Buch dran geblieben, auch wenn es mir vorallem in dieser ersten Hälfte teilweise sehr schwer fiel. Der Grund ist ganz einfach: Selbst wenn Dan Simmons über die todlangweiligsten Dinge schreibt, die einem einfallen können so schreibt er doch wahnsinnig gut. Selbst wenn es einen überhaupt nicht interessiert, was dort geschrieben steht bleibt man dran und genießt die Art, wie Dan Simmons seine Bücher scheibt. Das war auch schon in Terror so (Obgleich dieses Buch nur sehr sehr selten und wenn dann nur ganz kurz als langweilig zu bezeichnen ist). Man erfährt sehr viel über das Leben im viktorianischen London. Eher über das Leben wohlhabenderer Leute, denn Wilkie interessiert sich so gar nicht für die Armut und die Menschen in den Elendsvierteln der Stadt. Als er und Dickens zum ersten Mal eine solche Gegend betreten ist es auch für den Leser wie für Wilkie eine neue und schreckliche Erfahrung.
Hat man dann diesen Part überstanden wird man mit weiteren 500 Seiten einer sehr sehr spannenden und gruseligen Geschichte belohnt. Wilkie taucht immer tiefer in das Geheimnis von Drood ein, Dickens verändert sich in den letzten Jahren seines Lebens und dann kommt das Ende, das den Leser meiner Meinung nach kurz ein wenig in der Luft hängen lässt, bis man darüber nachgedacht hat und wirklich erstaunt ist. Ich hätte nämlich mit diesem Ende nicht gerechnet. Aber es ist besser als alles, was ich erwartet hätte.
Vor allem Wilkie Collins ist ein sehr sympathischer Mensch, jedenfalls lernt man ihn als einen solchen kennen. Er beschreibt Dickens ganz objektiv, so wie er für ihn war. Ich selber fand Dickens dadurch ein wenig unsympathisch und arrogant aber das passte sehr gut in die Geschichte hinein. Was mich sehr beeindruckt hat war die Genauigkeit und Detailtreue, die Dan Simmons an den Tag legt. Die Geschichte in diesem Buch hätte genau so passiert sein können. All die merkwürdigen Ereignisse, die Veränderungen Dickens und Wilkies fügen sich natlos an wahre historische Fakten an, sodass man fast meinen könnte diese Erzählung von Wilkie Collins beruhe auf einer wahren Begebenheit. Drood ist wirklich erstaunlich gut durchdacht.
Auch wenn ich sage, dass die ersten 500 Seiten zum größten Teil aus vielen langweiligen, unwichtigen Geschichtchen besteht gebe ich dem Buch 4 Sterne, die es definitiv verdient hat. Man würde vielleicht meinen ich sei verrückt. Immerhin bestehen viele eigenständige Romane ja schon aus 500 Seiten. Dennoch liest man es und wenn man diese 500 Seiten geschafft hat, dann wartet eine wirklich spannende Geschichte auf den Leser, die den großen Hänger am Anfang vergessen lässt. Zusammen mit der einmaligen Art, in der das Buch geschrieben ist, ist Drood ein wirklich gutes Buch. Aber nicht für jeden. Wer sich mit 500 langweiligen Seiten schwer tut, der wird es möglicherweise nicht schaffen zum spannenden Teil zu kommen.